Die Orgeln in St. Stephanus

Die jetzige Orgel ist bereits die dritte Orgel in der langen Geschichte der Pfarrkirche St. Stephanus. Ein erstes Instrument ist belegt aus dem Jahr 1845, erbaut durch den Orgelbauer Anton Weitz aus Düsseldorf. Es war ein einmanualiges mechanisches Werk mit 9 Registern und angehangenem Pedal.

Die Pfarrchronik weiß zu berichten, dass ein dem feierlichen Gottesdienst angemessener Gesang wegen der ungeübten Stimmen der Sängerinnen und Sänger nicht möglich war. Um so sehnlicher war wohl damals der Wunsch nach einer Orgel überhaupt, denn bis zu diesem Zeitpunkt war mit großer Wahrscheinlichkeit kein Instrument in der Kirche vorhanden gewesen.

1891 wurde dann die Kirche bis auf den mittelalterlichen Turm abgerissen und 1892 durch ein neoromanisches Gotteshaus ersetzt. Was mit der Weitz Orgel geschehen ist, weiß man nicht: ursprünglich war geplant, sie in der neuen Kirche weiter zu verwenden. Es dauerte aber mehr als zehn Jahre, bis die Kirche wieder eine Orgel erhielt. Das neue Instrument wurde als opus 274 von der Firma Johannes Klais aus Bonn erbaut und am 2. November 1904 feierlich eingeweiht. Es handelte sich um ein hochromantisches zweimanualiges Orgelwerk auf pneumatischen Kegelladen mit 18 Registern (8/6/4). Diese Orgel wurde bei dem Luftangriff am 26. Oktober 1944 leider zerstört.

1952 konnte die Pfarrkirche nach dem Wiederaufbau konsekriert werden, 1955 wurde dann eine neue Orgel in Auftrag gegeben, diesmal bei dem Orgelbauer Romanus Seifert & Sohn in Kevelaer (Hauptwerk, Schwellwerk, und Pedal). Typisch war damals der Freipfeifenprospekt ohne Gehäuse. Diese Orgel bildet immer noch den Grundstock des heutigen Instrumentes und verfügt auf elektropneumatischen Kegelladen über 23 Register und 1 Transmission, darunter im Pedal einige Oktavauszüge.

1983 musste die Orgel abgetragen werden, da Kirchengewölbe und Apsis durch Hermann Gottfried ausgemalt wurden. In diesem Zusammenhang wurde die Orgel gereinigt und umgebaut. Diese Arbeiten führte wieder der Erbauer des Instrumentes Romanus Seifert aus Kevelaer durch. Architekt Wilhelm Dahmen entwarf ein neues Orgelgehäuse, das dann Hermann Gottfried farblich fasste. So fügt sich die Orgel heute ausgesprochen harmonisch in den neu gestalteten Kirchenraum ein.

Auch klanglich wurde einiges verändert: im Zuge der neuen Prospektgestaltung wurden die großen Pfeifen von Principalbaß 8’ und Principal 8’ in 75% Zinnlegierung neu gefertigt. Das Schwellwerk erhielt drei neue Register (Schwebung 8’ ab c°, Basson 16’, Hautbois 8’, Krummhorn 8’ wurde zu Krummhorn 4’ umgebaut).

Das Hauptwerk erhielt aus Altbestand des Orgelbauers eine Gamba 8’. Schon bei näherer Betrachtung der Pfeifen kann man feststellen, dass es sich hier um ein originales Register des 19. Jahrhunderts handeln muss, auch die Gravuren auf den Pfeifenkörpern belegen dies. Es war in Erfahrung zu bringen, dass dieses Register der St. Antonius Orgel in Wiesdorf entstammt und dort wahrscheinlich bei der Restaurierung von 1976 nicht weiter verwandt wurde (Romanus Seifert führte auch dort die Arbeiten durch). Insofern ist anzunehmen, dass auch diese Pfeifen von Wilhelm Schaeben aus Köln Anfang des 19. Jahrhunderts gefertigt wurden.

Im Herbst 2009 wurde die Orgel ausgereinigt und erweitert. Die verschlissene und mittlerweile unzuverlässige über 50 Jahre alte Spieltischelektrik wurde erneuert. Über verschleißfreie optoelektronische Kontakte der Klaviaturen gelangt die Information nun über ein digitales Bussystem zum zentralen Rechner in der Orgel, dort wird sie in analoge Signale überführt und steuert so die elektromagnetischen Relais, die den Wind zu den einzelnen Orgelpfeifen freigeben. Durch die Computersteuerung lässt sich prinzipiell jeder Taste jeder beliebige Ton zuweisen, wodurch zum Beispiel Oktavkopplungen oder auch Kopplungen in allen anderen Intervallen innerhalb oder zwischen den einzelnen Werken möglich sind, ebenso lassen sich die Pedalpfeifen auch vom Manual aus anspielen. Weiterhin verfügt die Orgel über eine MIDI-Schnittstelle. Besonders praktisch zum Stimmen der Orgel ist eine Fernbedienung zur Ansteuerung der einzelnen Pfeifen, so benötigt man keinen Tastenhalter mehr.

Außerdem hat die Orgel im Rahmen der neuen Steuerung eine Setzeranlage bekommen, über die sich im Prinzip beliebig viele Klangbilder abspeichern lassen. Über einen speziellen jedem unserer Organisten zugeordneten Chip wird die Orgel ein- und  ausgeschaltet. So weiß die Orgel sofort, wer spielen möchte und stellt die vom jeweiligen Organisten abgespeicherten Einstellungen und Klangbilder bereit.

Des Weiteren sollte die Orgel ein etwas grundtönigeres Klangbild bekommen. Im Einzelnen  haben wir dies erreicht durch die Umintonation des Prinzipalchores, Umstellung einzelner Register innerhalb der Orgel, den Neubau eines Subbaß 16’ mit wesentlich weiterer Mensur als klangliches Fundament, die Rückung und Umintonation der bisherigen Quintade 16’ um 6 Halbtöne zum Bordun 16’, für die tiefsten 6 Töne wurde die Pfeifen des alten Subbaß verwendet. Die übrigen alten Subbaßpfeifen wurden als Quintbaß 10 2/3’ auf eine neu gebaute Lade gestellt. Durch dieses Register entstehen im Raum Differenztöne, die zusammen mit den 16’ Pfeifen akustisch Klänge der 32’ Lage zu erzeugen vermögen, die sonst nur durch doppelt so lange Pfeifen möglich wären.

Als komplett neues Register auf einer eigenen neuen Windlade erhielt die Orgel eine Konzertflöte 8’, zusätzlich im Diskant um eine Oktave verlängert spielbar als Traversflöte 4’. Bis auf die oberste Oktave ist dieses Register aus Holzpfeifen in voller Länge gebaut, die ab c’ sogar die doppelte Länge haben und im Sinne einer Querflöte überblasen. Dieses Register trägt erheblich zur klanglichen Abrundung der Orgel bei und liefert als Soloregister zusätzlich mit dem neuen Tremulanten im Hauptwerk viele interessante Klangmöglichkeiten.

Die Pfeifen für Nasard 2 2/3’ und Terz 1 3/5’ im Hauptwerk wurden in weiter Mensur neu gefertigt, die bislang dort befindlichen Pfeifen wurden ins Schwellwerk als Sesquialtera 2fach (ergänzt um die Basspfeifen bis e°) auf den Stock des nunmehr entfallenen Krummhorn 4’ gebaut. Somit besitzt das Schwellwerk ein zusätzliches Farbregister, das sich mit den übrigen Stimmen zum Kornett ergänzen lässt.

Mittlerweile haben sich in Bürrig bereits namhafte Orgelbauer und Organisten eingefunden und die reorganisierte Orgel mit großem Interesse zur Kenntnis genommen.

Text: Dr. Ulrich Stollenwerk