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Erntedank

Erntedank 2021

Liebe Schwestern und Brüder!

Von wem stammen wohl die folgenden Worte:
„Allmächtiger Gott, der du in der Weite des Alls gegenwärtig bist und im kleinsten deiner Geschöpfe…heile unser Leben, damit wir Beschützer der Welt sind und nicht Räuber. Lehre uns, den Wert von allen Dingen zu entdecken und sie voll Bewunderung anzuschauen. Lass uns erkennen, dass wir zutiefst verbunden sind mit allen Geschöpfen.“
Diese Worte stammen nicht von einem Indianerhäuptling oder einem Umweltschützer unserer Tage, sondern von unserem Papst Franziskus. Er nennt die Erde unsere Mutter und unser gemeinsames Haus: „Unser gemeinsames Haus ist wie eine Schwester, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in die Arme schließt.“
Wir vergessen oft, dass wir selber Erde sind. Aber so steht es in der Schöpfungsgeschichte.
Nach den Umweltkatastrophen dieses Sommers, dem Hochwasser und den Waldbränden sind wir alle aufgerufen, unser Leben zu ändern. Aber keine Lehre führt uns letztlich zur ökologischen Umkehr, sondern nur innere Beweggründe, innere Betroffenheit. 
Umkehr im biblischen Sinne ist ja nicht nur die Bereitschaft, einen anderen Weg zu gehen als bisher, sondern bedeutet im tieferen Sinne die Entwicklung einer neuen Herzensqualität. Papst Franziskus sagt: „Jeder Christ, jede Christin trägt in sich die Berufung, Hüter der Schöpfung Gottes zu sein.“ 
Spüren wir diese Berufung, die unsere Welt so nötig braucht?
Wenn wir diese Berufung nicht spüren, was könnte uns helfen, diesen Weg der Schöpfungsliebe einzuschlagen?
Passend zu unserem Erntedankfest sehe ich die Dankbarkeit als den Königsweg zur Schöpfungsliebe. Dankbarkeit hat eine große Umgestaltungskraft so wie der Sauerteig. Sie durchwirkt alles, und wir können Sie einüben. Wir können jeden Tag sagen: Danke für meine Familie, danke für meinen Mann, meine Frau, meine Kinder und alle meine Verwandten. Danke für das Geschenk des Lebens. Danke für das tägliche Brot und all die Liebe, die mir in deinen Geschöpfen begegnet. Der heilige Franziskus ist uns ein Vorbild für diese innere Haltung. Er hat den Blumen und Tieren von der Liebe Gottes erzählt. Das ist keine Naturschwärmerei, sondern eine Haltung der Ehrfurcht vor allem Leben, die wir jetzt so nötig brauchen. Diese Haltung macht uns berührbar in einer Zeit, in der viele Menschen Angst vor Berührung und Ansteckung haben.
Das Gegenteil der Dankbarkeit ist die Begierde, die Ausbeutung der uns anvertrauten Erde. So, wie die Dankbarkeit die Wurzel alles Guten sein kann, ist die Begierde die Wurzel aller Zerstörung, aller Sünde. Deshalb heißt es in den 10 Geboten auch mehrmals: Du sollst nicht begehren… Und hier lohnt es sich, kurz inne zu halten, zu spüren und sich zu fragen: Führe ich ein erfülltes Leben oder gibt es einen inneren Mangel? „Je leerer unser Herz“, sagt unser Papst, „desto größer der Konsum.“ Dankbarkeit führt uns zurück zu einem einfachen Lebensstil und einer großen Freude an den kleinen Dingen.
Selbst die großen Geschenke des Lebens wissen wir manchmal nicht zu würdigen, so wie die neun Aussätzigen, die es nicht für nötig halten, umzukehren und Danke zu sagen. 
Dem dankbaren Samariter aber sagt Jesus: Dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden. Wenn wir diesen Satz einmal frei übersetzen, könnte er lauten: Das, was dich heil macht, steckt schon in dir und ist mit einer tiefen inneren Dankbarkeit und viel Vertrauen verbunden. 
Die Psalmen und die Paulusbriefe, die auch alles Dunkle des Lebens mit Gott teilen, sind durchwirkt von der Freude, die durch Dankbarkeit entsteht: „Sagt Gott, dem Vater, jederzeit Dank für alles. Dankt dem Vater mit Freude.“
Diese innige Dankbarkeit wird von dem Propheten Jesaja mit einem Erntefest verglichen:
„Man freut sich in deiner Nähe, wie man sich freut bei der Ernte.“
Feiern wir das Erntedankfest in diesem Sinne und nehmen wir diese Haltung mit in unser Leben. Bewegen wir sie in unseren Herzen, damit wir spüren, welche Schritte wir gehen können, um die Schöpfung Gottes zu behüten.

Christian Engels