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Ermutigung

Abstandsregeln und innere Nähe

In einer Zeit, in der wir in vielen Lebensbereichen Mindestabstände von Mensch zu Mensch einhalten müssen, berührt uns das Johannesevangelium mit einem Bild inniger Verbundenheit, das sich wie eine liebevolle Umarmung anfühlt. 
Jesus sagt zu den Seinen: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Diese Verbundenheit von Gott und Mensch spricht Jesus bewusst in dem Augenblick an, als er sich von seinen Jüngern verabschiedet. Es ist also ein Ausdruck der Nähe zu jemand, der nicht bei uns ist, den wir nicht sehen und umarmen können. Das ist für viele die Situation in der Corona-Zeit. Und die Fragen, die sich uns stellen können, lauten für mich: 
Gibt es die Möglichkeit der Verbundenheit trotz aller Abstandsregelungen? 
Was kann uns helfen, diese Verbundenheit zu spüren und zu pflegen?
Ich hatte folgende Impulse:
1. Wir können uns verbinden mit dem Blick auf die Wesensgemeinschaft aller Geschöpfe.
Das Bild vom Weinstock sagt, dass Gott und Mensch aus dem gleichen Holze geschnitzt sind, dass sie auf ganz natürliche Weise zusammengehören, miteinander wachsen und Frucht bringen. Das Gleiche gilt für uns Menschen: Trotz aller Unterschiede, die wir oft viel zu sehr betonen, haben wir einen gemeinsamen Ursprung, einen gemeinsamen Wesenskern: Wir alle sind Kinder Gottes. Uns ist das Leben geschenkt, und wir legen es einmal wieder zurück in Gottes Hände. Wir alle teilen den gleichen Lebensatem, empfangen Kraft aus den Wurzeln des Weinstocks und sind angewiesen auf die Früchte der Erde. 
Das und vieles mehr verbindet uns. Es könnte uns zu solidarischen Menschen machen, die mit einander und für einander unterwegs sind.
2. Wir können einander berühren und verbunden sein durch Worte.
Jesus sagt seinen Jüngern: Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch. 
Diese bleibende Verbundenheit ist gegründet auf die Worte, die Jesus gesprochen hat. 
Alle, die auf die Frohe Botschaft hören und danach leben, sind in dieser bleibenden Verbindung. Auch wir können uns trotz aller Abstandsregelungen durch Worte berühren und verbinden: Worte der Zuneigung, Worte des Respekts, Worte der Anerkennung und Segensworte. Die Telefonleitungen sind coronafrei, und auch bei Spaziergängen zu zweit in der Schöpfung Gottes können wir die Worte frei wählen, die wir miteinander austauschen.
3. Wir können verbunden sein durch kleine Überraschungen. 
Plötzlich steht jemand vor deiner Haustür und überreicht dir ein kleines Geschenk – mit Abstand natürlich, aber von Herzen. Ich durfte das schon mehrmals erleben. Vielen Dank dafür.
4. Wir können verbunden sein durch unser Mitgefühl für die, die leiden. 
Wir können miteinander teilen, dass Licht und Schatten, Gesundheit und Krankheit, Leben und Sterben zu uns allen gehören. Vielleicht ist das Mitgefühl viel stärker, als unser Wunsch, dass das alles möglichst bald vorbei ist.
Verbinden wir uns also immer wieder mit der Gotteskraft, jeder auf seine Weise. Wurzeln wir tief im gemeinsamen Urgrund unseres Lebens. Dann können wir spüren, dass wir von guten Mächten treu und still umgeben sind. Segnen wir unser Lachen und unser Weinen im Vertrauen darauf, dass Gott uns nährt und verbindet in Freude und Leid.

Christian Engels